Über weibliche Solidarität und das, was passiert, wenn Frauen füreinander einstehen
In den letzten Tagen taucht ein Name immer wieder in meinem Feed auf: Cornell 7. Und ich sage es euch: dieser Fall macht mich krank.
Eine heute ehemalige Studentin der Cornell University, in den Gerichtsunterlagen als Jane Doe bezeichnet, wirft sieben damaligen Mitgliedern der Studentenverbindung Chi Phi vor, sie im Oktober 2024 unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen über mehrere Stunden sexuell missbraucht zu haben. Die Vorwürfe sind Teil einer Zivilklage und strafrechtlich bisher nicht entschieden. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen inzwischen wieder aufgenommen. Einige der Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.
Besonders viel Aufmerksamkeit bekommen Nachrichten aus einem Snapchat-Chat der Verbindung. Laut der Klage wurde dort während jener Nacht eine Nachricht verschickt, die eine Frau als „free p***y“ bezeichnete und andere Männer aufforderte, nach oben zu kommen.
Mich beschäftigt an diesem Fall aber noch etwas anderes, und zwar was danach passiert ist. Überall im Netz teilen Frauen den Fall. Sie sprechen über Jane Doe. Sie wehren sich dagegen, dass ihre Identität veröffentlicht wird. Unter #IAmJaneDoe stellen Frauen teilweise ihre eigenen Bilder ins Netz, um ihre Anonymität zu schützen. Frauen, die diese Frau wahrscheinlich nie kennenlernen werden. Und trotzdem sagen sie: Wir lassen dich hier nicht alleine stehen. Vielleicht berührt mich genau das so sehr, weil Frauen lange etwas anderes beigebracht wurde.
Weibliche Solidarität statt Konkurrenz
Wir lernen sehr früh, uns miteinander zu vergleichen. Wer ist schöner. Wer bekommt mehr Aufmerksamkeit. Wer hat den besseren Körper. Wer ist die bessere Mutter. Die bessere Partnerin. Die erfolgreichere Frau. Und so fühlt sich Konkurrenz zwischen Frauen irgendwie fast natürlich an. Dabei ist sie das nicht unbedingt.
Viele Vorstellungen darüber, wie eine „gute Frau“ zu sein hat, wurden über Generationen weitergegeben: angepasst, angenehm, nicht zu laut, nicht zu wütend, nicht zu viel. Und genauso wurden Frauen immer wieder gegeneinander ausgespielt. Die Hübsche gegen die Kluge. Die Mutter gegen die kinderlose Frau. Die Karrierefrau gegen die Hausfrau. Die „brave“ Frau gegen die „schwierige“.

Eine der tiefsten weiblichen Wunden liegt zwischen Frauen
In meinen Augen ist eine der tiefsten weiblichen Wunden deshalb nicht nur unsere Beziehung zu Männern, sondern auch unsere Beziehung zueinander. Denn wenn ich eine andere Frau automatisch als Konkurrenz wahrnehme, muss niemand von außen eine Grenze zwischen uns ziehen. Sie ist längst schon da.
Deshalb bedeutet weibliche Solidarität für mich auch nicht, jeder Frau immer zuzustimmen. Es bedeutet auch nicht, Frauen grundsätzlich für bessere Menschen zu halten. Und es bedeutet sicherlich auch nicht, Kritik auszuschalten.
Es bedeutet etwas viel Einfacheres: Eine andere Frau nicht automatisch klein machen zu müssen, damit ich selbst Raum haben darf. Ihr zuzuhören, ohne sofort nach dem Grund zu suchen, warum ihre Erfahrung vielleicht doch nicht stimmt. Und dort, wo es nötig ist, füreinander einzustehen.
Warum Frauenkreise heute wieder wichtig sind
Vielleicht ist genau deshalb der Gedanke des Frauenkreises heute wieder interessant und Frauenkreise so nötig und heilsam wie noch nie.
Es geht nicht darum dass wir zurück in irgendeine romantisierte Vergangenheit müssen. Und auch nicht, weil Frauen nur unter Frauen „heilen“ könnten. Sondern weil es eine Tatsache gibt, die jede Frau die mal einen Frauenkreis besucht hat bestätigen kann: weil es etwas verändert, wenn Frauen einen Raum betreten, in dem sie für einen Moment nicht miteinander konkurrieren müssen.
Wo niemand schöner, spiritueller, erfolgreicher oder weiter sein muss. Wo eine Frau erzählen darf, ohne unterbrochen zu werden, ohne verurteilt zu werden. Stattdessen wird sie gesehen, gehört, gehalten. Und mit dem Gefühl nach Hause geht : Ich bin hier nicht alleine.
Da ist jemand, der mir glaubt.
Da ist jemand, der bleibt.
Da ist jemand, der sagt: Ich sehe dich.
Vielleicht brauchen wir genau davon wieder mehr.
Unser nächster „Frau Sein“ Frauenkreis findet am 24.10.2026 statt. Hier findest du alle Informationen. Für mehr Impulse rund um Frau-Sein, weibliche Solidarität, Körperverbindung und die Themen, die wir als Frauen oft viel zu lange alleine tragen, folge mir auf Instagram.
